Offener Brief

Aalen, 05. Juli 2018

Sehr geehrter Herr Landrat Pavel,
Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Rentschler,
Sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderates Aalen und des Ortschaftsrates Unterkochen,

am 15.06.2018 haben Sprecher der Initiative Pro-Uko bei der Stadt Aalen eine schriftliche Eingabe gegen den Bebauungsplan Industriegebiet Breitwiesen-Neukochen eingereicht. Bisher sind es über 250 Bürger, die dieser Eingabe inhaltlich beipflichten. Die Beweggründe sind vielfältig und dem 23-seitigen Dokument der Eingabe zu entnehmen. Jedoch geht es den Bürgern um weitaus mehr, als nur um die fachlichen und sachlichen Mängel in den vorgelegten Gutachten und dem Bebauungsplan.

Noch im Oktober 2015 wurde den Bürgern Unterkochens das Gefühl vermittelt, dass die Stadt Aalen mit der Renaturierung des Kochers den Bürgern Aalens und Unterkochens einen Gewinn an Lebensqualität schenken wollte: „Die Stadt besitze nun 17 000 Quadratmeter Flussbett und Uferböschung zur Freude aller, insbesondere von Umweltschützern, Naturliebhabern und Menschen, die hier entlang radeln könnten.

„Das ist für Unterkochen ein Glückstag“, freut sich auch Dr. Wolfgang Palm. Der geschäftsführende Gesellschafter der Papierfabrik lobt die Verlegung des Flussbettes und dessen Einbindung in die Natur. „Damit ist die Entwicklung des Unternehmens auf Dauer gesichert.“ Palm spielt dabei auf die geplante Erweiterung des Betriebs an diesem Standort an. Die Firma Palm will eine international wettbewerbsfähige Papiermaschine bauen.“ (Quelle: Schwäbische Post 16.10.2015, „Der Kocher fließt in neuem Bett“). Nun, mit der kürzlich erfolgten Auslegung des Bebauungsplanes Breitwiesen-Neukochen wird zum ersten Mal faktisch klar, was dies für die Menschen im unmittelbaren Umfeld bedeutet: Die Schaffung von Raum für eine derart große Industrieanlage, die der Stadtteil Unterkochen nach Meinung eines Großteils seiner Bürger nicht verkraften kann. Ebenso hat das Regierungspräsidium Stuttgart massive Bedenken gegen das Projekt ausgesprochen. Der Fachbeitrag Artenschutz zum Bauprojekt belegt die gelungene Schaffung eines Refugiums für Pflanzen und Tiere auf dem noch primär landwirtschaftlich genutzten Areal Breitwiesen, das jetzt allerdings dem Erdboden gleichgemacht werden soll. Das hörte sich 2015 für die Bürger noch anders an.

Nach den von Dr. Palm in einer Abendveranstaltung am 07.06.2018 präsentierten Plänen und den Daten aus dem Bebauungsplan haben sich die Bürger Unterkochens im Sinne einer Simulation die ungefähre Dimension der möglichen Industrieanlage in einem Bild dargestellt (siehe Abbildung). Diesen ersten verheerenden Eindruck über das Ausmaß der Anlage möchten wir Ihnen gerne auf diesem Wege zur Verfügung stellen. Wir gehen davon aus, dass durch diese Darstellung im Gemeinderat eventuell noch einmal eine Diskussion über die Zumutbarkeit für die Bewohner Aalens angeregt wird. Vordergründig dürfte hier auch über Abstände von solchen geplanten Industrieanlagen zu Wohngebieten neu diskutiert werden. Herr Dr. Palm selbst hat dieses Argument vor geraumer Zeit bei der Planung eines Wohngebietes gegenüber seiner bestehenden Papierfabrik für seinen Einspruch erfolgreich verwendet. Wir erinnern uns, dass die Wohnbebauung im Gebiet Pfromäcker aufgrund der Emissionsdiskussion erfolgreich verhindert wurde. Heute, wenige Jahre später, soll es wiederum möglich sein, eine Industrieanlage diesen Ausmaßes auf den letzten grünen Fleck Unterkochens zu planen. Dies zweierlei Maß kann nicht rechtmäßig sein.

Eine originalgetreue Darstellung der Dimensionierung kann nicht garantiert werden, da die tatsächlichen Baupläne zu diesem Zeitpunkt des Baugenehmigungsverfahrens noch nicht vorliegen. Es handelt sich bei der Abbildung daher lediglich um eine Simulation auf der Basis einer reduzierten Datenlage.

Die Bürger von Unterkochen haben existenzielle Angst vor den Folgen der geplanten Industrieanlage für die Lebensqualität, die Gesundheit und nicht zuletzt vor dem dramatischen Wertverlust an Grundstücken und Immobilien, die den Familien eine lebenswerte Heimstatt bieten sollten und als Wertanlagen geplant waren.

Die Bürger von Unterkochen wollen die Firma Palm in Unterkochen. Viele Bürger fühlen sich dem Unternehmen verbunden und Herr Dr. Palm genießt als ortsverbundener Geschäftsmann den Respekt der Bewohner. Jedoch streben die Bürger den Kompromiss an, der ursprünglich durch die Firma Palm auch schon intern in Pläne gefasst wurde – nämlich die neue Anlage auf dem bestehenden Standort zu errichten. Es ist verständlich, dass Herr Dr. Palm diese Alternativplanung aufgrund einer verkürzten Laufzeit seiner alten Maschinen nicht präferiert, aber es muss die Frage an die Gemeinderäte gerichtet werden dürfen, ob die wirtschaftlichen Interessen eines Unternehmens bei solch gravierenden Entscheidungen schwerer wiegen dürfen, als die existenziellen Sorgen hunderter Bürger vor dem Verlust ihrer Ersparnisse, ihrer Lebensqualität und ihrer Gesundheit.

Sehr geehrter Herr Landrat Pavel, Herr Oberbürgermeister Rentschler und sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderates Aalen, wir bitten Sie von ganzem Herzen, sich nicht aussschließlich von wirtschaftlichen Gedanken leiten zu lassen, sondern auch die Sorgen und Bedürfnisse Ihrer Bürger in Ihre Gedanken mit einzubeziehen, um gemeinsam mit allen Beteiligten einen Kompromiss zu finden.

im Namen der Bürgerinitiative Pro-Uko